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Die Alternative Wirtschaft

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„Liebe Genossinnen und Genossen.“


Bericht über einen Themenabend der Alternativen Wirtschaft zu genossenschaftlichen und kollektiven Strukturen. Mit Impulsreferaten von
Georg Luif (America Latina) und Sonja Grusch (SLP).


Können uns Kollektive und solidarische Ökonomie aus der Krise führen? Oder sind sie nur Nischen im neoliberalen Weltgefüge? Georg Luif hat als Gründer und Betreiber der America Latina Läden viel Erfahrung mit genossenschaftlichem Wirtschaften. Sonja Grusch, Sprecherin der Sozialistischen Linkspartei, steht dem herrschenden Wirtschaftssystem mit großer Skepsis gegenüber. Im Anschluss an die beiden Kurzreferate gab es Gelegenheit, in der Diskussion Meinungen auszutauschen und Standpunkte zu definieren.


Genossenschaftliche und kollektive Strukturen als Krisenlöser oder Nischen im neoliberalen Weltgefüge?

Am 10.5.2012 diskutierten Georg Luif (Gründer und Betreiber der America Latina Läden) und Sonja Grusch, Sprecherin der Sozialistischen Linkspartei, über die Möglichkeiten von genossenschaftlichen Strukturen in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Die Impulsreferate wurden durch Zwischenfragen unterbrochen und es entstanden bald heftige Diskussionen über Fragen der Mitbeteiligung und Möglichkeiten von kollektiven Betriebs-Führungen. Es wurde nach konkreten, erfolgreichen Beispielen von genossenschaftlichen Betrieben gefragt. Die Diskussionen drehten sich vor allem um Fragestellungen und Probleme betrieblicher Mitbestimmung und Mitbeteiligung. Die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen wurden vor allem von den Referenten angesprochen.

Solidarökonomie wird als weitumspannender Begriff verwendet und inkludiert ein weites Feld von sozialen und wirtschaftlichen Handeln, wo vor allem solidarisches Handeln der Knackpunkt ist. Neben besetzten und selbstverwalteten Betrieben, herkömmlichen Produktions- und Dienstleistungsgenossenschaften, sozialen Institutionen werden auch Maßnahmen und Gütesiegel einer Corporate Social Responsibility eingezogen. Die Anfänge von Gemeinwirtschaft und Gemeineigentum können in den Klostergründungen, im Kampf von Teilen der katholischen Kirche gegen Verschwendungssucht und für ein Armutsgebot gesehen werden. Die Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise und damit einhergehend die Entstehung der industriellen Betrieben führt zu Widerständen durch Handwerker und Arbeiter. Die Genossenschaftsgründungen sind im 19.Jahrhundert Mittel, die Erweiterung der kapitalistischen Produktionsweise zu verhindern und alternative Wirtschaftsformen vorzuzeigen. In einer späteren Phase wird die Genossenschaftsbewegung zur Abfederung der gesellschaftlichen Widersprüche verwendet.

Die prekäre soziale Lage der Arbeiter, ihre Armut und Hoffnungslosigkeit und die Angst vor einem Zusammenbruch der bestehenden Gesellschaftsordnung bringt die katholische Kirche zur Entwicklung ihrer Soziallehre. Statt Klassenkampf wird eine neue Moral, Harmonie in der Gesellschaft und Selbsthilfe der Arbeiter gepredigt.

Die Errichtung eines Staatssozialismus in der Sowjetunion lässt das Augenmerk auf die staatliche Durchsetzung des Sozialismus im 20.Jahrhundert richten. In den realsozialistischen Staaten Osteuropas und in Jugoslawien wird der Genossenschaftsgedanken bzw. die lokale Selbstverwaltung wieder aufgegriffen. Hierbei spielt der Gedanke einer Schulung in kollektiver Führung, Kontrolle und Einbeziehung von Handwerkern und Bauern in das sozialistische Modell eine wichtige Rolle.

In den kapitalistischen Industrieländern kommt es in den 1970er Jahren zu einem kulturellen Widerstand gegen die industrielle Massenproduktion und die Frage nach alternativen Formen des Wirtschaftens wird immer dringender. Das große Scheitern dieser Projekte und die erfolgreiche wirtschaftliche Expansion der kapitalistischen Produktionsweise verringert das Interesse an alternativen Formen des Wirtschaftens wie in den Genossenschaften.

Die krisenhafte wirtschaftliche Entwicklung in den 1990er Jahren, insbesondere in Lateinamerika, Umweltprobleme und die Reduzierung des Staates lassen soziale Bewegungen entstehen, die erneut die Frage nach einer anderen Welt („otro mundo es posible“) insbesondere in Lateinamerika stellen. Diese Vorstellungen kommen auch bald nach Europa. Es ist hierbei interessant anzumerken, dass Neoliberalismus und Solidarökonomie ihren Ursprung in Lateinamerika haben.

Mit der Bankenkrise in Europa und den USA bekommt die Solidarökonomie Aufwind und mit der Occupy Bewegung werden die Finanzinstitute in Frage gestellt. Mit der Ausweitung der Kommodifizierung und des Marktes für das Geistige Eigentum entsteht eine neue Widerstandslinie, die durch die Bewegung der Piraten aufgenommen wird. Diese Fragestellung ist ein zentraler Punkt und Bedingung für die Ausweitung der Transnationalisierung der Wirtschaft.


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