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Die Alternative Wirtschaft

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Dieser Artikel von Michael Schmid ist ursprünglich in "wien.direkt", der Zeitung der Wiener Grünen, erschienen.

Liebe Genossen und Genossinnen.


UMDENKEN. Die Kapitalismuskrise bietet die Chance sich mit alternativen Unternehmensformen auseinanderzusetzen. Zum Beispiel genossenschaftlichen Strukturen. Von Michael Schmid.

Kapitalistische Ungleichverteilung und die damit verbundene Not des Bauernstands und des Kleingewerbes brachten Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch auf neue Ideen. Beide entwickelten unabhängig voneinander neue Modelle für alternative Wirtschaftsformen. Raiffeisen-Sektor und Volksbanken, die sich auf Schulze-Delitzsch berufen, haben sich zwar indes von ihren Gründervätern weit entfernt, doch es gibt Beispiele für gut funktionierende Genossenschaftsstrukturen. Worum geht es im wesentlichen? Wirtschaftstreibende oder Konsumenten und Konsumentinnen schließen sich zusammen, um gemeinsam ein Unternehmen zu betreiben, das auf sozialen und wirtschaftlichen Ausgleich der Mitglieder abzielt. Schulze-Delitzsch unterschied dabei vier Formen: Die Vorschuss- und Kreditvereine, die Spar- und Konsumvereine, die Distributivgenossenschaften und die Produktivgenossenschaften. Speziell im Finanzsektor und im Produktionsbereich können genossenschaftliche Ansätze eine tragfähige Alternative zu traditionellen kapitalistischen Unternehmensformen darstellen. Wie das konkret aussehen kann, zeigt das Beispiel Mondragón.

Als der junge Arbeiterpriester José María Arizmendiarreta 1941 in die baskische Kleinstadt Mondragón kam, war die Situation trist. Francos Faschismus hatte alle sozialistischen und anarchistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsprojekte beendet. Die Produktion lag darnieder. Die Arbeitslosigkeit war hoch. Arizmendiarreta wollte vor allem die Lage der Jugend verbessern und gründete eine Berufsakademie. Diese Schule, heute eine Polytechnische Hochschule, ist Keimzelle der erfolgreichsten Kooperative der Welt. 1956 taten sich sechs Absolventen zusammen und gründeten gemeinsam mit 18 Arbeitern ein Unternehmen für Ölöfen und Herde. Aus dem Kleinbetrieb ging der Elektrogerätekonzern Fagor hervor, nun Europas fünftgrößter Haushaltsgerätehersteller.

Mondragóns Erfolg fußt auf einem soliden ideologischen Fundament. Arizmendiarreta versuchte auf dem Boden der Katholischen Soziallehre, mit marxistischen Erkenntnissen und dem Wissen um das kapitalistische System ein Modell solidarischen Wirtschaftens zu schaffen. Die Menschen sollten dabei stets im Mittelpunkt des Handelns stehen, demokratische Teilhabe und effizientes Arbeiten einander sinnvoll ergänzen.

Mondragón ist indes ein Konzern mit über 100.000 Beschäftigten und einem Umsatz von rund 15 Milliarden Euro. 2007 waren 81% der MitarbeiterInnen GenossenschafterInnen. Seit 1997 betreibt Mondragón eine eigene Universität mit drei Fakultäten.

Die Mondragón-Genossenschaften teilen sich auf in drei Subbereiche.

  • Industrie. Von Haushaltsgeräten über Solartechnik bis zu Automobilkomponenten.
  • Handel. Von Supermärkten übers Mobilfunknetz bis zu Sozialeinrichtungen mit Schulessen.
  • Finanzgruppe. Die Bank Caja Laboral und die Versicherung Lagun Aro.

Trotz der Größe haben die Mondragón-Genossenschaften ihre Ideale bewahrt. Die Beschäftigten sind Miteigentümerinnen. Arbeit und Lebensqualität haben Vorrang vor den Interessen des Kapitals. Mitbestimmung und Teilhabe werden gelebt. Der Vorstand wird alle vier Jahre von der Generalversammlung, also den ArbeiterInnen, gewählt. Das höchste Einkommen beträgt maximal das Sechsfache des niedrigsten. Die unteren Gehaltsstufen liegen damit über denen anderer Unternehmen. Die Führungsleute verdienen weniger als woanders.

Die Arbeitszufriedenheit in den Mondragón-Genossenschaften ist höher als in Unternehmen vergleichbarerer Größe und Branche. Und die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, dass die Mondragón- Genossenschaften Krisen besser überstehen als andere Unternehmen. Ein Ergebnis gelebter Solidarität.


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